Von 14. bis 19. Januar 2019 fand die Bau 2019, die Weltleitmesse für Architektur, Materialen und Systeme, in München statt. Dort zeigen mehr als 2.000 Aussteller aus 40 Ländern auf etwa 200.000 m2 Ausstellungsfläche ihre Innovationen. Lesen Sie in diesem Blogbeitrag, vor welchen Herausforderungen die stark wachsende Branche steht und welche Trends die Bau 2019 thematisiert.

Europas Bauwirtschaft wächst. Im vergangenen Jahr hat das Bauvolumen in den 19 Euroconstruct-Ländern um 3,5 % gegenüber 2016 zugenommen – so stark wie seit dem Jahr 2006, also lange vor der weltweiten Finanzkrise, nicht mehr. Zum Hintergrund: Die Euroconstruct ist ein Forschungs- und Beratungsnetzwerk, in dem Institute mit spezifischem Know-how im Bausektor aus 19 west- und ostmitteleuropäischen Ländern zusammenarbeiten. In Deutschland fungiert das ifo-Institut als Partner, in Österreich übernimmt diese Rolle das WIFO. Auch vor 2017 konnte sich die Baubranche über Zuwächse erfreuen: In den Jahren 2014 bis 2017 haben die gesamten Bauleistungen um 9% auf etwa 1,5 Billionen Euro zugenommen. Getrieben hat diese Entwicklung vor allem der Wohnbau. Bis zum Jahr 2020 soll die Branche in den Euroconstruct-Ländern, und damit den wichtigsten europäischen Märkten, um weitere 6% zulegen.

 

Veränderungsdruck auf die Baubranche ist groß

Trotz des sicherlich erfreulichen Wachstums steht die Branche vor enormen Herausforderungen. Ihr ökologischer Fußabdruck ist riesig, verbraucht sie doch etwa 40 Prozent der globalen Ressourcen. Nachhaltig zu agieren ist in der Branche bis dato eher Ausnahme als Regel. Auch bei der Digitalisierung ist der Bausektor alles andere als ein Vorreiter. Gleichzeitig wird ihr in Zukunft noch viel mehr Effizienz abverlangt: Die Urbanisierung erfordert, dass immer mehr Bauten in immer kürzerer Zeit und mit möglichst wenig Belastung der Anrainer und der übrigen Umwelt zu errichten. Dabei werden wichtige Ressourcen wie etwa Sand knapp. Insgesamt ist der Veränderungsdruck sehr groß. Welche Lösungen die Branche parat hat, ist auf der nur alle zwei Jahre stattfindenden Weltleitmesse für die Branche, der Bau 2019, zu erleben. Dabei haben sich 4 Leitthemen herauskristallisiert, an denen sich auch die mehr als 2.000 Aussteller orientieren werden:

 

1) Ohne BIM geht am Bau bald fast nichts mehr

Ein reales Bauwerk lässt sich freilich nur in der realen Welt errichten. Doch was die Planung und die Zusammenarbeit der vielen Beteiligten betrifft, können die digitalen Tools für Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen sorgen. Ein solches Werkzeug, das die Branche schon heute und noch viel mehr in naher Zukunft beschäftigen wird, ist BIM (Building Information Modeling). Diese Methode erlaubt es, die Planung, Ausführung und die Bewirtschaftung von Bauwerken jeglicher Art mithilfe von Software und Vernetzung zu optimieren. Bei BIM werden alle Bauwerksdaten digital modelliert, kombiniert und erfasst und das Bauwerk wird auch als Computermodell visualisiert. Mit diesem Gebäudemodell können allen Projektbeteiligten – angefangen vom Architekten bis hin zum Facility Manager – arbeiten. Der Nutzen von BIM zeigt sich, wenn man die bisher für Bauprojekte gängige Methode rekapituliert: Der planerische Entwurf eines Architekten, der auf den Wünschen und Bedürfnissen des Bauherrn basiert, steht am Anfang jedes Projekts. Mithilfe von CAD-Systemen entstehen dann die technischen Bau- und Konstruktionszeichnungen, aus denen dann wiederum die erforderlichen Bauleistungen und schließlich die Kosten destilliert werden. Wird der Entwurf geändert, dann müssen alle nachgelagerten Pläne und Kalkulationen angepasst werden. Mit BIM lässt sich dieser enorme Aufwand an Zeit und Geld vermeiden. Denn dabei können Architekten und Fachplaner die Änderungen in die Projektdatei einspeisen. Diese sind in Form von aktualisierten Plänen, Zeichnungen und Kalkulationen für jeden Projektbeteiligten sofort verfügbar. Konkret: Wenn der Architekt den Grundriss eines Bauwerks und damit auch die Anzahl der notwendigen Türen verändert, dann ist diese Adaption auch in der Türliste und in der Kalkulation sofort ersichtlich. Dieser erheblich verbesserte Informationsaustausch zwischen allen Planungsbeteiligten führt zu einer deutlich höheren Produktivität. Länder wie Großbritannien, die Niederlande oder auch der skandinavische Raum gelten als Vorreiter in Sachen BIM. Doch es ist damit zu rechnen, dass sich die neue Methode auch hierzulande nicht nur bei Großprojekten, sondern auch bei kleineren Bau- und Sanierungsvorhaben als weit gültiger Standard durchsetzen wird. Das deutsche Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur macht BIM bis zum Jahr 2020 für Infrastrukturprojekte verbindlich. Die Baugewerke, die an der Realisierung von Gebäuden beteiligt sind, werden neue Kompetenzen aufbauen müssen.

 

2) Flexible Arbeitsformen erfordern neue Bauten

Die so genannten Nine-to-Five-Jobs nehmen kontinuierlich ab. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer verlangen nach flexiblen Arbeitszeitmodellen. In vielen Betrieben – wie etwa in den österreichischen Niederlassungen von Microsoft oder IBM oder auch bei T-Mobile Austria – ist die New World of Work bereits Realität. Kreative, Freelancer und digitale Nomaden teilen sich Co-Working-Spaces, um ihrer Berufung zu folgen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Flexibilisierung führt auch dazu, dass die Grenzen zwischen Arbeitsleben und Privaten verwischen oder gar ganz verschwinden. Flexibel arbeitende und lebende Menschen verlangen auch den Bauten und den Wohnungen mehr Flexibilität ab. Einzelne Räume oder ganze Gebäude müssen sich schnell umgestalten lassen, um genau jenen Bedarf zu befriedigen, der gerade gefragt ist. Um es überspitzt zu formulieren: Nicht nur Personen oder Organisationen, auch Gebäude müssen in Zukunft agil sein. Diese Flexibilität wird dabei wegen der bereits erwähnten Urbanisierung und der Steigerung des Bevölkerungswachstums auf weniger Platz stattfinden müssen. Wie dies gelingen kann, zeigt etwa ein mit Robotermöbeln ausgestattetes Microapartement.

 

3) Ingenieure und Architekten arbeiten enger zusammen

Der Fortschritt ermöglicht hoch technologisierte Bauteile. Ein Fenster erfüllt nicht nur seine Rolle als Fenster, sondern kann auch als Kraftwerk, indirekte Lichtquelle, Touchscreen, Klimaanlage oder Vorhang  fungieren. Hightech-Fassaden können kühlen, heizen oder Smog neutralisieren. Und dank des Lotus-Effekts können sich Dächer sogar selbst reinigen. Dazu kommen neue Materialien oder Konstruktionsmethoden, die in Sachen Tragfähigkeit oder Statik ganz neue Möglichkeiten zulassen.

Beim Entwurf eines Gebäudes spielen sowohl diese Fähigkeiten, die einzelne Baukomponenten übernehmen können, als auch die Eigenschaften von innovativen Baustoffen oder Konstruktionsarten eine wichtige Rolle. Die für die Gebäudeplanung zuständigen Architekten müssen also mit den Ingenieuren, die das technologische Pouvoir der Elemente erweitern können, in der Frühphase eines Bauprojektes noch enger zusammenarbeiten, als dies bisher der Fall war. Diese enge Kooperation ist auch bei der Standardisierung und Vorfertigung von Bauteilen notwendig. Dank dieser Methode lassen sich auch große Bauwerke innerhalb von nur wenigen Tagen errichten.

 

4) Intelligenten Gebäuden geht das Licht auf

Dass eine “Smart City” aus möglichst vielen “Smart Buildings” bestehen sollte, ist logisch. Freilich lassen sich bestehende Bauten dank der Möglichkeiten mobiler Übertragungstechniken auch im Nachhinein vernetzen. Doch bei Neubauten oder umfassenden Sanierungen ist es ratsam, diese Vernetzung gleich mit zu planen. Dabei kann ein so genanntes “Smart Grid” alle Geräte innerhalb eines Gebäudes miteinander verbinden und auch für externe Anwender entsprechende Schnittstellen bieten. Mithilfe solchen “Smart Grids”, die alle Akteure eines Energiesystems über ein Kommunikationsnetzwerk miteinander verbinden, lassen sich Energieströme optimal steuern. Erzeugen etwa die Solarzellen auf dem Dach des einen Bauwerkes zu viel Strom, so lässt sich dieser etwa in die Stromtankstelle eines benachbarten Hauses weiterleiten, auf der gerade mehrere Fahrzeuge zum “Auftanken” angedockt haben.

Das Thema Licht bildet ebenfalls einen Schwerpunkt bei der BAU 2019. Denn durch Sensorik und Vernetzung lassen sich die Möglichkeiten enorm erweitern. Smartphone oder Sensoren steuern Jalousien und Kunstlicht gleichzeitig und sorgen damit für auf den aktuellen Bedarf abgestimmte Beleuchtungskonzepte. Diese können dann bei Notfällen wie etwa einem Brand ablaufen. Überhaupt erlaubt die LED-Technologie dank des geringen Energie- und Platzbedarfes sowie der längeren Haltbarkeit noch nie dagewesene Lichtkonzepte.

 

Fazit: Bau 2019 – Diese 4 Trends bewegen die Baubranche

Sowohl in Sachen Nachhaltigkeit als auch bei der Digitalisierung sieht sich die Baubranche einem sehr hohen Veränderungsdruck gegenüber gestellt. Neue digitale Werkzeuge wie beispielsweise BIM werden die Branche innerhalb sehr kurzer Zeit stark verändern. Auch die Anforderungen an die Produkte der Bauwirtschaft – die Gebäude -, haben sich innerhalb sehr kurzer Zeit gewandelt. Geeignete Antworten darauf erfordern ebenso eine Fülle an neuen Entwicklungen. Um zukunftsfähige Lösungen zu erfinden, stehen der gesamten Bauwirtschaft heute aber auch völlig neue Technologien zur Verfügung, deren Möglichkeiten sich heute bestenfalls erahnen lassen.

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